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Koshima Aki Der Nachteil der Fotografie
Der kanadische Schriftsteller Paul Theroux schreibt in seinem Roman “ORLANDO oder die Liebe zur Fotografie” die Fotografie
habe einen Nachteil: “Es gibt kein zweites Mal.” Und er läßt seine Protagonistin, eine alternde amerikanische Fotografin, sagen: “Ich versuchte, meine Vision Floridas vom Zug aus zu schießen, aber das rüttelnde
Fenster verwackelte die Aufnahmen. Später hatte ich noch einmal Gelegenheit, in dieser Gegend zu fotografieren, aber da war es zu spät. Die Bilder wirkten nicht mehr echt. Meine besten Bilder bildeten mehr ab,
als mein Auge wahrnahm, und was diesen fehlte, war die Unmittelbarkeit, die dieses Mehr produziert.”
In gewisser Weise haben Paul Theroux und seine Protagonistin recht. Aber ihre Erkenntnis wirkt unecht,
wie eine Binsenwahrheit und wie angelesen aus den Aufzeichnungen berühmter Fotografen wie beispielsweise Henri Cartier-Bresson.
Kurz nachdem Cartier-Bresson in den frühen dreißiger Jahren eine
Kleinbildkamera des deutschen Herstellers Leica für sich entdeckt hatte, war sie für ihn zu seinem verlängerten Auge geworden: “Den ganzen Tag durchstreifte ich angespannt die Straßen, immer bereit,
loszuspringen, um das Leben einzufangen. Ich wollte es in seiner vollen Lebendigkeit festhalten. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als in einem Foto das ganze Wesen dessen zu erfassen, was sich vor meinen
Augen abspielte.” Beide, Theroux wie auch Cartier-Bresson, sprechen den selben Aspekt innerhalb der Fotografie an: Den Zufall. Für mich ist der Zufall das wichtigste Gestaltungselement in der Fotografie
überhaupt. Da mag es Fotografen geben, die sich hochnäsig als penible Planer aufspielen und ihre Fotos als durchgeistigte, künstlerische Werke ausgeben, doch das einfache Volk der Bildbetrachter vermag in
deren Fotos oft nichts als Langeweile zu sehen. Folglich ist die Kunst der Fotografie nicht erzwungene Durchgeistigung, sondern das gekonnte Erfassen des Zufalls. Der amerikanische Fotograf Andreas Feininger
sagt in seinem Lehrbuch “Die hohe Schule der Fotografie”: “Ein guter Fotograf muß vorausschauen können.” Dem kann ich nur zustimmen, denn wenn es um das fotografische Erfassen des Zufalls geht, muß man ihn als
Fotograf erahnen, muß darauf eingerichtet sein, um im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken – und zwar noch bevor man diesen Augenblick im Sucher seiner Kamera erblickt; denn hat man diesen Augenblick
erst einmal im Sucher erblickt und drückt dann auf den Auslöser der Kamera, wird in jedem Fall zu spät sein. Aber ist ein Augenblick, den man voraussehen kann, noch ein Zufall? Ich denke, genau dies ist der
Nachteil der Fotografie. Man kann sich nicht entscheiden, was Zufall und Vorausschau ist.
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